
„Frauen verdienen weniger als Männer aber nicht in dem Maße, wie das der sogenannte Gender-Pay-Gap-Tag weismachen will“, sagt der Verhaltensökonom Matthias Sutter von der Universität Innsbruck und Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn. Der Lohnunterschied sei auch keineswegs nur auf Diskriminierung, Kinder oder die Wahl schlechter bezahlter Berufe zurückzuführen. „Die fehlende Risikobereitschaft hat einen großen Anteil am Gender-Pay-Gap“, erklärt Sutter im Interview am Rande des Mediengipfels in Lech.
Im deutschsprachigen Raum spräche man meist von einem Gender-Pay-Gap, also einem Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, von etwa 18 Prozent. Das allerdings seien unbereinigte Daten. Bereinige man diese mit Faktoren wie unter anderem Alter, Qualifizierung und Arbeitszeit, „kommen wir auf einen Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern von 3 bis 7 Prozent“, sagt Sutter.
Diese Zahlen seien aber weitaus weniger beeindruckend, weshalb mit den unbereinigten Daten argumentiert werde. Dabei seien auch 3 bis 7 Prozent ein spürbarer Unterschied. Den Gründen dafür geht Sutter in seiner aktuellen Forschungsarbeit nach.
Zu ungefähr 50 Prozent liege es daran, dass Männer und Frauen unterschiedliche Prioritäten haben, wenn sie eine Arbeit suchen. Für Männer sei die Höhe des Gehalts entscheidend. Frauen legten mehr Wert darauf, dass sie eine für sie sinnstiftende Arbeit finden. Eine wichtige Rolle spielten aber auch Familienfreundlichkeit, die Möglichkeit der Teilzeitarbeit oder kürzere Pendelzeiten. Das hätten schon mehrere Studien gezeigt, sagt Sutter.
Zu wenig berücksichtigt werde hingegen, dass Frauen im Durchschnitt risikoscheuer seien als Männer. „Männer fragen viel häufiger als Frauen nach höheren Gehältern, Frauen bieten stattdessen in Einzelfällen sogar an, für weniger Geld zu arbeiten“, sagt er und warnt: „Das ist ein Riesenfehler, weil damit die eigene Arbeit abgewertet wird.“ Frauen ließen sich auch weniger auf einen Wettbewerb ein, was sich schon in sehr jungen Jahren zeige. Sutter erzählt von einer Studie mit Kindern zwischen 3 und 8 Jahren. Sie bekamen die Aufgabe, 30 Meter weit zu rennen. Davor mussten sie sich entscheiden, ob sie alleine laufen wollen oder im Wettbewerb gegen ein anderes Kind. In zweiterem Fall erhalte man, wenn man gewinnt, die doppelte Belohnung. Das Ergebnis: Weitaus mehr Buben hätten sich dem Wettbewerb gestellt als Mädchen – auch weil sie überzeugt gewesen seien, ohnehin zu gewinnen, erzählt Sutter. Wettbewerbsgeist sei auf dem Arbeitsmarkt aber von großer Bedeutung, etwa bei Bewerbungen oder Beförderungen. Wettbewerb aus dem Weg zu gehen, bedeute weniger Optionen, erfolgreich zu sein, rät Sutter Frauen zu etwas mehr Risikofreudigkeit.
All das heiße aber keineswegs, dass Frauen nicht diskriminiert würden. „Frauen werden weniger häufiger in Vorstände berufen, selbst wenn sie bei Assessment-Centern die gleiche Qualifikation wie die Männer aufwiesen.“ Die Arbeitsleistungen von Frauen würden Untersuchungen zufolge zudem grundsätzlich geringer geschätzt als jene von Männern, was sich primär bei Gruppenarbeiten zeige.
Natürlich spiele auch die Unterbrechung der Berufstätigkeit für Familienarbeit oder Teilzeitarbeit eine gewisse Rolle, sagt der Verhaltensökonom. Mehr Gerechtigkeit könne hier übrigens Homeoffice bringen. Studien hätten zuletzt gezeigt, dass die Sorgearbeit gerechter verteilt wird, wenn Männer zu Hause arbeiten können.
Dass Frauen inzwischen einen durchschnittlich höheren Bildungsgrad als Männer aufweisen und dennoch weniger verdienen, liege auch an der Berufswahl. Sie müssten verstärkt für Branchen motiviert werden, die höhere Gehälter bringen. Da seien nach wie vor Technik, Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften zu nennen. Und: Mädchen sollten wie Buben dazu animiert werden, in einen Wettbewerb zu treten. „Frauen müssen erfahren, dass es sich lohnen kann, ein Risiko einzugehen.“
Mehr zum Thema: Eine neue Erhebung aus Dänemark stellt Einkommensbußen nach der Geburt von Kindern infrage. Laut Sutter wankt die Annahme, dass durch die Geburt und Betreuung von Kindern, Frauen am Arbeitsmarkt im Durchschnitt schlechter abschneiden. Die neue Studie aus Dänemark hat Daten von Frauen untersucht, die sich künstlich befruchten ließen. „Bei der Hälfte der Fälle war die Befruchtung erfolgreich, bei der anderen Hälfe nicht. Die Frauen sind vergleichbar, weil sie alle einen Kinderwunsch haben. Sie haben also die gleichen Voraussetzungen“, erklärt der Verhaltensökonom. Die Studie zeichne nach, wie sich die Arbeitsmarktkarriere dieser Frauen entwickelte. Die Ergebnisse seien erstaunlich. „Frauen mit Kindern hatten in den ersten 2 bis 3 Jahren spürbare Gehaltsunterschiede, aber nach 10 Jahren verdienten sie bereits mehr als jene ohne Kinder und über das ganze Berufsleben hinaus sogar mehr. Diese Daten zeigen eindeutig, dass man vorsichtig sein muss mit der sogenannten „child penalty“, also der Theorie, dass Frauen mit Kindern größere Einkommensbußen haben.“ Diese Daten müssten aber noch weiter durchleuchtet werden, etwa ob eine bessere Kinderbetreuung in Dänemark zu diesem Ergebnis führe.
Redaktion: Teresa Klotzner
Kategorie: Artikel
Datum: 06.12.2024
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