
Diesen Themen widmen sich Svitlana Kutsenko und Ofrit Shapira-Berman. Erstere leitet die Rehabilitationsabteilung für psychische Gesundheit im Superhumans-Center in der westukrainischen Stadt Lwiw; zweitere ist Psychoanalytikerin und Uni-Professorin in Jerusalem und hat sich auf Traumata und Langzeittherapien spezialisiert.
Beide Frauen arbeiten dort, wo derzeit Traumata entstehen: „Man arbeitet, hat Spaß, kann Kinder bekommen, reisen“, sagt Kutsenko. Und von einem Tag auf den anderen werde man dann zum Kriegsdienst einberufen – mit einem „unbefristeten Vertrag“. Das Leid sei ständig präsent – insbesondere, wenn Angehörige ums Leben gekommen sind. Der Alltag werde bis auf ganz wenige Momente vom Verlust überschattet. Denn: „Es betrifft jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens.“
Es werde praktisch eine ganze Generation traumatisiert, gibt Ofrit Shapira-Berman, die per Videoschaltung mitdiskutierte, zu bedenken. Eines der größten Probleme sei, dass der Krieg im Nahen Osten andauert und sich die Traumatisierung ständig erneuert. Das Leid verstärke sich so jeden Tag. „Die mittlerweile geretteten Geiseln fühlen sich beispielsweise schuldig – weil sie den Eindruck haben, nur durch pures Glück noch zu leben.“ Das sei psychologisch nur sehr schwierig zu heilen.
Ihre Kollegin, Svitlana Kutsenko – die von Shapira-Berman als „soul sister“ bezeichnet wurde –, stimmte zu: „Der Heilungsprozess kann erst dann beginnen, wenn der Krieg vorbei ist.“ Gegenwärtig sei in Lwiw nicht die Zeit dafür, es gehe aktuell eher um Symptombekämpfung. „Aber nicht um mehr.“ Sie erzählte von einer Person mit vier verlorenen Gliedmaßen – auch hier gelte: „Wenn die Menschen lernen, ihre neue Identität aufzubauen, haben sie eine Chance.“ Es brauche aber viel soziale Unterstützung.
Das sieht auch Ofrit Shapira-Berman so, die von einer Klientin gefragt worden sei, ob sie jemals wieder glücklich sein könne. Die Antwort: Womöglich dann, wenn sie sich eine Familie aufgebaut hat. Dann, wenn sich ihre Kinder freuen, sie zu sehen. Dann ja. „Zumindest für ein paar Augenblicke.“
Redaktion: Maximilian Werner
Kategorie: Artikel
Datum: 05.12.2024
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