„Mensch und Maschine müssen ein Tandem bilden“

Michael May forscht bei Siemens zur Künstlichen Intelligenz. Welche Bedeutung die KI für die Industrie hat, erklärt er im Interview.

Wo wird KI bei Siemens derzeit eingesetzt?
An vielen Stellen — eine sehr anschauliche Sache ist, anhand von Bildverfahren beim Qualitätsmonitoring mithilfe von neuronalen Netzen Fehler zu finden.

Was heißt das?
Wenn Sie beispielsweise ein Glashersteller sind. Dann kann KI mit Hilfe spezieller Kameras helfen, gute Gläser von fehlerhaften, die etwa einen kleinen Riss haben, zu unterscheiden. Die KI sieht diesen Riss und trennt dieses Glas von den anderen. Das Aussortierte wird entweder noch einmal überprüft oder gleich zum Ausschuss gegeben. Früher war das eine mühsame manuelle Aufgabe. Heute macht die KI das schneller und auf Dauer auch zuverlässiger. Im Zweifelsfall kann eine nochmalige Überprüfung durch einen Experten erfolgen. Das Tandem Mensch und Maschine ist hier sehr hilfreich.

Stellen, wo Siemens die KI einsetzt, sind beispielsweise die Überwachung von Anlagen in Form einer vorausschauenden Wartung. Hier kann KI erkennen, dass ein System in zwei Stunden oder zwei Tagen ausfallen wird. Auf Basis dieser Erkenntnis kann ein Techniker das Problem schon vorher beheben.

Künstliche Intelligenz, Daten Analyse, maschinelles Lernen und Big-Data-Architectur. Viele Menschen verstehen diese Begriffe nicht und können diese Entwicklungen nicht mehr einordnen. Wie kann man das alles erklären?
Das muss unbedingt gemacht werden. Denn was die Leute nicht verstehen, lehnen sie tendenziell ab. Wie man das machen muss – dafür gibt es keine allgemeingültige Antwort. Man muss die Leute bei ihrem Kenntnisstand abholen. Bei Schulkindern und Studenten wäre es ganz einfach, ihnen das auf spielerische Weise beizubringen. Für Menschen im Berufsleben braucht es oft nur ein paar Wochen Training. Für die breite Öffentlichkeit haben Journalisten die Aufgabe darzustellen, worum es geht, Chancen aufzuzeigen und vor allem auch die Ängste zu nehmen.

Es gibt die Sorge in der Bevölkerung — selbst von Geoffrey Hinton, der als Pionier der Künstlichen Intelligenz gilt – dass wir die KI irgendwann nicht mehr steuern können und sie zur Gefahr wird. Ist diese Sorge begründet?
Immer, wenn eine neue Stufe von KI kommt, entflammt auch eine neue Diskussion darüber, ob uns die KI jetzt ablösen wird. Sie hat sich natürlich fortentwickelt – das sieht man beispielsweise bei ChatGPT und beim Schachspiel. Dort ist sie uns teilweise tatsächlich überlegen. Aber ich sehe den Menschen und die Maschine immer lieber als Tandem. Seit 30 Jahren sind uns Schachcomputer
voraus. Aber es gibt weiterhin Schachmeisterschaften, Schachbücher und auch das Schachspiel boomt. Zugleich muss man sich an neue Entwicklungen anpassen. Ein Schachspieler in der heutigen Zeit, der keinen Computer zur Vorbereitung nutzt, hat keine Chance. So wird das auch in der Programmierung sein und so wird das auch im Journalismus sein.

Siemens beschäftigt sich auch mit Datenanalyse und auch dieses Thema besorgt Datenschützer. Ist dies begründet?
Die Gefahr des gläsernen Menschen besteht natürlich. Deshalb haben die Datenschutzregeln – beispielsweise die europäische Datenschutzgrundverordnung – ihre Berechtigung. Da geht es weniger um technische als vielmehr um ethische Fragen. Technisch kann man den Menschen ohne Probleme gläsern machen. Aber die ethische Diskussion um den Datenschutz ist ja auch kein neues
Thema.

Würde Siemens sich auch selbst einschränken, wenn es keine Verordnungen und Regulierungen gäbe?
Meiner Meinung nach ja. Man hat ja auch Verpflichtungen, seien es Persönlichkeitsrechte, Menschenrechte und so weiter. Dasselbe gilt auch beim AI-Act, der erstmals den Umgang mit Künstlicher Intelligenz regeln soll. Und gäbe es dazu keine Verordnungen, würde Siemens Prozesse einführen, um Sicherheit zu gewährleisten. Das haben wir immer schon gemacht. Wenn wir Züge bauen, wollen wir ja auch nicht, dass diese ein Sicherheitsrisiko sind. Unternehmen haften ja auch, wenn etwas fehlerhaft produziert wurde oder Menschen zu Schaden kommen.

Redaktion: Leonie Schiessendoppler
Kategorie: Interview
Datum: 02.12.2023

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