
Horrorbilder, Waffenlieferungen, Wirtschaftssanktionen und Kanzlerbesuch: Seit mehr als acht Wochen herrscht Krieg in der Ukraine. Wie hat dieser Krieg Gesellschaft, Politik und vor allem die Medien verändert? Darüber diskutierten im Rahmen des Europäischen Mediengipfels Alexandra Föderl-Schmid (stv. Chefredakteurin „Süddeutsche Zeitung"), Hubert Patterer (Chefredakteur „Kleine Zeitung"), Eva Linsinger (stv. Chefredakteurin „profil") und Gerold Riedmann (Chefredakteur „Vorarlberger Nachrichten").
Mit keiner Sache gemein machen
Der Krieg in der Ukraine stellt wieder einmal die Art der Kriegsberichterstattung auf den Prüfstand: „Es gibt im Journalismus einen Lehrsatz: Wir sollen uns mit keiner Sache gemein machen, weder mit der schlechten noch mit der guten. Das gilt auch für die Berichterstattung in diesem Krieg", sagt Hubert Patterer. Damit rechtfertigt Eva Linsinger auch das Erscheinen eines Interviews mit dem russischen Botschafter, das hohe Wellen geschlagen hat, weil „er hat dort hanebüchene Lügen vertreten hat, wie z.B., dass die Ukraine selbst die Krankenhäuser in die Luft springen würde." Absurden Behauptungen wurde mit harten Fragen des Interviewers begegnet. „Das war für die Profil-Redaktion ein vertretbarer Kontext, um das Interview erscheinen zu lassen. Damit wollten wir auch ein Zeitzeugnis dieser Propaganda wiedergeben." Und: „Wenn wir nur Interviews mit Menschen machen, die wir sympathisch finden und deren Meinung wir vertreten, wäre das Heft sehr dünn." Genauer hinschauen müsse man aber auch bei medialen Inszenierungen: „Das gilt nicht nur für Putin, sondern auch für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyi, der zielgruppenspezifische Auftritte hinlegt. Er hat vor dem europäischen Parlament anders gesprochen als vor der Knesset", argumentiert Föderl-Schmid.
Datenjournalismus trifft auf Kriegsberichterstattung
Gerold Riedmann greift in dieser Diskussion neuere journalistische Formen auf, die rund um diese Kriegsberichterstattung entstehen: Viele redaktionell verwendete Bilder und Videos stammen von sozialen Meden von Menschen, die hautnah vom Krieg betroffen sind. Zum anderen werden wahnsinnig aufwendige Grafiken produziert, die aufzeigen, wo Kriegsgräuel geschehen und diese in Echtzeit aufbereiten. „Datenjournalismus trifft auf Kriegsberichterstattung in einer nie dagewesenen Dimension", betont Riedmann. Doch man dürfe nicht dem Sog dieser Bilder erliegen, so Patterer. „Diese Bilderflut ist momentan eine der größten Herausforderung vieler Redaktionen: All das muss natürlich auf Echtheit geprüft werden müssen", ergänzt Linsinger. Gleichzeitig stellt sich die Frage einer ethisch vertretbaren Bildsprache. „Damit sind wir jetzt täglich konfrontiert", sagt Föderl-Schmid.
Verschobene Grundsätze
Verändert hat diese Krise nicht nur die Art der Berichterstattung und den Fokus auf die Macht der Bilder, sondern auch die Haltung politischer Entscheidungsträger:innen. Vor allem in Deutschland, wie Föderl-Schmid analysiert. Dort sprechen sich Grünen-Politiker:innen jetzt für den Import fossiler Brennstoffe aus und müssen sich mit der Notwendigkeit von Waffenlieferungen an Kriegsparteien auseinandersetzen. Auch das Selbstverständnis von Frieden hat sich im deutschen grünen Lager gewandelt. „Der Pazifismus zerbröselt", ist Patterer überzeugt.
Redaktion: Lisa Ganglbaur und Elisabeth Weissitsch
Kategorie: Artikel
Datum: 21.4.2022
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