Felbermayr: „Europa braucht Rendezvous mit der Realität.“

Um Europas Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, braucht es weniger Regulierung, mehr Technologieoffenheit und eine Vertiefung des Binnenmarktes. Dies fordert WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr.

Europa droht im globalen Wettbewerb weiter zurückzufallen. Darüber herrschte beim Europäischen Mediengipfel in Seefeld in Tirol breite Einigkeit unter den anwesenden Ökonomen. WIFO-Direktor Gabriel Felbermayr machte deutlich, dass Europa „ein Rendez-vous mit der Realität“ brauche. „Europa muss sich einer gemeinsamen Debatte über die großen Herausforderungen stellen“, denn die wirtschaftliche Schwäche des Kontinents sei das Ergebnis einer ganzen „Summe an Problemen“.

 

Regulierung lähmt die Wirtschaft

Viele Probleme seien hausgemacht, sagt Stefan Kooths, Leiter des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. „Die EU ist seit zehn Jahren zu interventionistisch ausgerichtet.“ Dadurch habe man sich „verrannt“. „Der Spielraum für Unternehmen ist zunehmend kleiner geworden“, so der deutsche Ökonom. Zusätzlich verschärfen die Dekarbonisierungspolitik, steigende Verteidigungsausgaben, die demografische Entwicklung und hohe Energiekosten die Lage. „Auch die kleinteilige Struktur Europas wirkt hemmend – besonders in einer Zeit, in der neue Technologien vor allem auf Skalierbarkeit setzen“, sagte Martin Kocher, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank.

 

Mehr Technologieoffenheit – auch bei Atomkraft

Um Europa zukunftsfit zu machen, gibt es laut Felbermayr durchaus Handlungsspielräume. Gerade bei der Energiepolitik. „Dazu gehöre auch eine nüchterne Debatte über die Atomkraft“, frei von ideologischen Tabus und orientiert an den aktuellen technologischen Möglichkeiten.

„Es braucht auch eine Vertiefung des Binnenmarktes“, betont der WIFO-Direktor. Schon geringfügige Verbesserungen könnten die Kosten durch Zölle übertreffen. Eine tiefere Integration sei daher ein „elementarer Schritt“.

 

Einstimmigkeit ist wie eine Bremse

Deutliche Kritik richtete Volkswirt Matthias Sutter an institutionellen Blockaden innerhalb der EU. Das Einstimmigkeitsprinzip wirke zunehmend als Bremse, kritisierte der österreichische Volkswirt. „Es stellt sich die Frage, ob die derzeitige Verfassung der EU noch funktionstüchtig sei.“ Um global handlungsfähig zu bleiben, brauche Europa Reformen.

 

 

 

Redaktion: Text: Josef Bertignoll, Bild (c) Europäischer Mediengipfel/Florian Lechner
Kategorie: Artikel
Datum: 05.12.2025

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