Aktuelle Umbrüche als Chance für Europa

Als riesige Chance für Europa und die Europäische Union sieht Julia Friedlander, Geschäftsführerin der Atlantik Brücke in Berlin und ehemalige Beraterin im US-Finanzministerium, die Umbrüche der heutigen Zeit. Europa sei auf dem Weg "zu einer Beziehung auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten", meinte Friedlander beim 17. Europäischen Mediengipfel in Seefeld in Tirol am Freitag.

Es sei ein Armutszeugnis zu sagen, man sei zwischen China und den USA eingequetscht. Denn dann räume man sich selber keine Handlungsoption mehr ein, meinte Friedlander.

 

Gewinner, Verlierer, Trittbrettfahrer

Der große Gewinner der Krisen seien auch in fünf Jahren noch die USA, meinte Russland-Experte Gerhard Mangott, und die Trittbrettfahrer seien nach wie vor "wir". Nach Einschätzung Friedlanders werden die Verlierer die Großmächte von heute sein. Die "Drittländer" wie Brasilien, Türkei oder Mexiko würden viel an Macht gewinnen. Staatswissenschafterin und Professorin Claudia Brühwiler aus der Schweiz machte keine großen Fünfjahrespläne, prophezeite jedoch, dass die "großen Verlierer nach wie vor die Staaten Afrikas sein werden". Das Gespräch mit Friedlander, Mangott und Brühwiler führten der ehemalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann und APA-Chefredakteurin Maria Scholl.

Europa führe auch eine untergeordnete Rolle in den Friedensverhandlungen für ein Ende des Ukraine-Kriegs. Russland halte nicht viel von Europa, sagte Mangott: "Auf der russischen Seite wurde immer wieder argumentiert, es habe gar keinen Sinn, mit den Europäern zu sprechen, weil die Europäer - ich zitiere - 'die Vasallen der USA' seien." Deswegen sei es besser, gleich mit den USA zu sprechen. Nichtsdestotrotz: Wann immer dieser Krieg zu Ende sei, "müssen wir eine Russland-Strategie haben", sagte Mangott. Doch Europa denke derzeit nicht einmal über eine nach.

 

Ausblick: Russland und die USA

Putin habe ein großes Beharrungsvermögen. Innerhalb der Elite und von der Bevölkerung gebe es kaum Druck, so Mangott. In der russischen Bevölkerung steige die Friedenssehnsucht, derzeit seien mit 66 Prozent so viele wie noch nie für eine Verhandlungslösung. So wenige wie noch nie seien für eine Fortsetzung des Krieges. Aufgrund der Repressalien der politischen Führung gebe es allerdings keinen Akteur mehr in Russland, der die Bevölkerung mobilisieren könne, sagte Mangott.

"Ich glaube nicht, dass ich noch eine liberale Demokratie in Russland erleben werde", sagte der 59-Jährige. Nach Putin werde seiner Einschätzung nach ein "Putinismus ohne Putin" folgen. Ihm werde jemand aus dem Sicherheitsapparat oder dem Geheimdienst-Milieu folgen.

Wie sich das politische Geschehen in den USA entwickelt, sei hingegen ungewiss, sagte Brühwiler. Was man aber wisse: Für die Wahlentscheidung der Amerikaner sei die Wirtschaftslage im Land wichtig. Führten die USA den Zollkrieg weiter und "die Amerikaner und Amerikanerinnen müssen dafür zahlen, dann könnte tatsächlich ein Demokrat, eine Demokratin ins Weiße Haus einziehen", meinte Brühwiler.

Redaktion: Text: Antonia Potucek, Bild (c) Europäischer Mediengipfel/Florian Lechner
Kategorie: Artikel
Datum: 05.12.2025

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