
„Video Killed the Radio Star“ hat das Popduo “The Buggles” vor mehr als 45 Jahren gesungen. Im Zeitalter digitaler Plattformen wird auch das lineare Fernsehen immer wieder totgesagt. Erst vor wenigen Tagen kündigte die deutsche TV-Sendergruppe RTL an, 600 Stellen streichen zu wollen. Eine Reaktion auf sinkende Werbeeinnahmen im klassischen Fernsehen und den Wandel im Medienmarkt. Wird das Fernsehen nun endgültig zu Grabe getragen? Am 17. Europäischen Mediengipfel in Seefeld in Tirol haben sich Expertinnen und Experten an Lösungsansätzen versucht.
„Wir müssen weggehen von TV zu Video“, appellierte Hans Mahr, ehemaliger RTL-Chefredakteur, am Freitag an seine Branchekolleginnen und -kollegen. Die reine Anbetung des linearen Fernsehens funktioniere nicht mehr. Ursprünglich für das klassische TV produzierte Inhalte müssten auf allen Plattformen – d.h. auch Social-Media, Podcast, Streaming – verfügbar sein. Das sei unsere einzige Chance.
Nationaler und/oder Europäischer Champion?
Markus Breitenecker, ehemaliger COO von ProSieben Sat.1, schätzt die Lage ähnlich ein. „Streaming ist die Zukunft des Fernsehens.“ Nur: Neben starken US-Streaming-Anbietern „schaut es schlecht aus für heimische Anbieter“. Wie könnte der deutschsprachige Markt neben Netflix und Prime bestehen? Der Medienmanager schlug zwei Strategien vor: Jene des Marktführers, des nationalen Champions, der mehrere Sender integriert. Und jene des gesamteuropäischen Players. „Wenn man diese beiden Strategien kombinieren könnte, dann gibt es noch Hoffnung“, betonte Breitenecker.
Gefährlich werde es dem Medienmanager zufolge, wenn nationale Sender Netflix und Co. Ihre Inhalte zur Verfügung stellen. In Frankreich integriert die US-Plattform den Sender TF1 ab Sommer 2026 etwa direkt in seine App. Das Leben der Broadcaster werde zwar um ein paar Jährchen verlängert werden. „Am Ende bleiben dann aber nur mehr amerikanische Super-Aggregatoren, und es gibt keine europäischen Medieninhaber mehr“, warnte Breitenecker.
Europe first
Das Etikett des nationalen Champions, des lokalen Super-Streamers verbuchten in der Diskussion zwar sowohl ORF-Programmchefin Stefanie Groiss-Horowitz mit ORF on und Breitenecker mit der Plattform Joyn für sich. Im Wettbewerb mit US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen beharrten aber beide auf eine notwendige Zusammenarbeit. Es brauche einen Protektionismus für europäische Inhalte, ergänzte Breitenecker: „Wir brauchen Regeln, die europäische Inhalte bevorzugen.“ Anders sah das Hans Mahr. Er plädierte stattdessen für mehr Kreativität.
Und auch Groiss-Horowitz blieb unterm Strich realistisch: Wenn es einen europäischen Schulterschluss gebe, könnte Europa eine Kraft entwickeln, glaubt die ORF-Programmchefin. Nur: „Da sind wir halt aktuell noch nicht.“
Redaktion: Text: Anna Wiesinger, Bild(c) Florian Lechner
Kategorie: Artikel
Datum: 05.12.2025
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