Wie sich Europa gegen Putin wehren kann

Russland tötet in der Ukraine, unterwandert den Westen und droht offen mit Krieg. Kann ein demokratisches Europa Putin noch stoppen?

Am 22. Jänner 2026 stellt die Staatsanwaltschaft Wien einen Mann wegen des Vorwurfs der Spionage vor Gericht. Der frühere Verfassungsschutz-Beamte Egisto O. soll jahrelang für Russland spioniert haben. Er bestreitet die Vorwürfe allerdings vehement. Die Ermittlungen gegen Ott deuten aber auf weit mehr als einen Einzelfall hin: Auf zigtausenden Aktenseiten beschreiben die Ermittlerinnen und Ermittler ein schier endloses Netzwerk der mutmaßlichen russischen Unterwanderung.

Während die heimischen Strafverfolgungsbehörden nun versuchen, gegen die Spione des Kremls in Wien vorzugehen, führt Wladimir Putin weiter seinen unbarmherzigen Krieg gegen die Ukraine, nutzt Gas als Druckmittel und greift westliche Demokratien mit gezielten Desinformationskampagnen an. Und Kreml-Chef Putin droht Europa offen: „Wenn Europa Krieg will, sind wir bereit.“ Wie kann sich Europa vor Moskau schützen?

Zwei Jahrzehnte Warnung

Marina Litvinenko warnt seit bald zwei Jahrzehnten vor der Gefahr, die von Putin und seinem „Mafia-Staat“ ausgeht. Am 23. November 2006 wurde ihr Ehemann, Alexander Litvinenko, in London ermordet. Der ehemalige KGB- und FSB-Offizier hatte 1998 begonnen, das russische System zu kritisieren. Im November 2000 flüchtete er mit seiner Familie nach London. Sechs Jahre später wurde Alexander Litvinenko mit dem Plutonium-Isotop 210 vergiftet und starb an der Strahlenkrankheit. Marina Litvinenko ist sich sicher, dass Putin hinter dem Mord an ihrem Mann steckt. Und sie weigert sich seit fast 20 Jahren, darüber zu schweigen.

„Putin ist kein Präsident, mit dem man diskutieren, oder dem man vertrauen kann“, sagte Litvinenko am Donnerstag am Europäischen Mediengipfel in Seefeld: „Man kann mit Putin nicht einmal verhandeln.“ Der russische Machthaber sei wie ein Kind, dem nie Grenzen aufgezeigt wurden: „Putin drückt und drückt – und wenn das Gegenüber immer nachgibt, drückt er weiter. Die europäischen und demokratischen Länder waren ihm gegenüber zu weich.“ Der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan habe indes 2015 richtig reagiert, sagt Litvinenko: als ein russischer Kampfflieger über die türkische Grenze flog, wurde dieser abgeschossen. Putin seien so im wahren Sinne des Wortes Grenzen aufgezeigt worden, so Litvinenko: „Erdogan ist vielleicht kein guter Mensch, aber er hat sein Land beschützt.“

Hat Europa Putin zu lange gewähren lassen? „Wir haben vielleicht viele Zeichen erkannt, aber sie nicht ganz sehen wollen“, sagte Inna Hartwich, bis Herbst 2025 Korrespondentin in Russland für diverse Medien, unter anderem die NZZ. Lange habe man sich im Westen nicht vorstellen können, dass ein solcher Krieg wie in der Ukraine geführt werde, auch, weil Putin damit sein eigenes Land kaputt mache. „Aber darum geht es nicht. Putin sieht nur ein Land, das er beherrschen möchte“, erklärte Hartwich: In Russland werde immer eine Dreieinigkeit aus Russland, Weißrussland und der Ukraine betont. Doch während sich Weißrussland in die Abhängigkeit des Kremls begeben habe, habe sich die Ukraine anders entschieden: „Und so wie die Europäer bis heute nicht verstehen, wie Russland tickt, war Moskau nicht gewillt zu sehen, dass sich die Ukraine anders entwickelt hat.“

„In Kiew wird die Zukunft Europas entschieden“

Seit weit mehr als zehn Jahren kämpft die Ukraine daher in der einen oder anderen Form gegen den russischen Aggressor. 2014 besetzte Russland die Krim, seit 24. Februar 2022 herrscht offener Krieg. „Die ukrainische Hauptstadt Kiew spielt nun die Rolle von Berlin während des Kalten Krieges“, sagte Luke Harding, Auslandsreporter für den Guardian: „In Kiew wird sich die Zukunft Europas entscheiden.“

Auch Harding ist der Ansicht, dass sich Europa klarer positionieren müsse: „Es gibt noch immer keine Sanktionen gegen die russische Schattenflotte“, kritisierte Harding: „Diese Öltransporter dienen als Startpunkt für Spionage und Drohnen im deutschen Luftraum.“ Auch die Ukrainerinnen und Ukrainer würden nicht verstehen, warum Europa noch keine flächendeckende Luftabwehr über das ganze Land gespannt hätte, betonte der Guardian-Journalist. Sein Fazit: „Es muss mehr geschehen. Sonst werden wir in diesen endlosen Krieg hineingezogen, den die Ukraine verliert.“

Wie kann Europa Putin also stoppen? Durch ein geschlossenes, hartes Auftreten? Durch Sanktionen gegen Russland und Strafverfolgung in Europa? Oder durch Aufrüstung bis zur Abschreckung? Es brauche jedenfalls mehr – und wohl durch eine Mischung aus allem, so der Tenor am Europäischen Mediengipfel in Seefeld.

Jedenfalls nicht durch Selbstaufgabe. Auch Marina Litvinenko kämpft weiter. Und die Russin befeuert ihrem Publikum, es ihr gleich zu tun: „Ihr Journalistinnen und Journalisten dürft nicht aufgeben und müsst weiter versuchen, die Wahrheit zu finden.“

Redaktion: Text: Max Miller, Bild: (c) Europäischer Mediengipfel / Florian Lechner
Kategorie: Artikel
Datum: 04.12.2025

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